Anzügliche Bemerkungen beim Verbandswechsel, eine unangenehme Berührung beim Transfer vom Bett in den Rollstuhl oder Grenzüberschreitungen durch Kolleg*innen: Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz kommt in der Pflege leider vor. Seit 2021 sensibilisiert ein eigens dafür entwickeltes Workshop-Konzept an den Schulen für Pflegeberufe Herford/Lippe angehende Pflegefachkräfte für ihre eigenen Grenzen und macht sie sprach- und handlungsfähig.
Petra Skrzypek, Lehrkraft an den Schulen für Pflegeberufe Herford/Lippe, entwickelte ein Konzept, das genau da ansetzt, wo Theorie auf die oft herausfordernde Praxis trifft. „Es zeigt sich immer wieder, wie wichtig es ist, unsere Schüler*innen frühzeitig auf die vielseitigen Herausforderungen im Pflegealltag vorzubereiten. Ich bin sehr dankbar, dass wir gemeinsam mit unseren Praxispartnern einen sicheren Rahmen schaffen, der den Auszubildenden das nötige Rüstzeug vermittelt. Ein respektvolles Miteinander und klare Grenzen sind die Basis für einen gesunden und starken Pflegeberuf“, erklärt Petra Skrzypek.
Im Rahmen eines Workshops lernen die Auszubildenden deswegen in drei Schritten, wie sie sich im Berufsalltag effektiv schützen können:
- Grenzen spüren und definieren: Auf einer Skala von 1 bis 10 schätzen die Schüler*innen eigene und fremde Grenzen ein. Anhand von Fallbeispielen lernen sie außerdem zu differenzieren: Was ist eine eindeutige, bewusste Grenzüberschreitung und wie ist eine Situation zu bewerten, die beispielsweise durch die kognitive Einschränkung eines dementiell erkrankten Patienten entsteht?
- Das Dreischrittmodell: Wie reagiere ich im Moment des Übergriffs? Die Lehrenden des Workshops verdeutlichen in praxisnahen Rollenspielen ein klares Modell für den Akutfall.
- Netzwerke nutzen: Niemand bleibt allein. Der Workshop zeigt den Auszubildenden auf, welche internen und externen Hilfesysteme ihnen den Rücken stärken.
Ein zentraler Bestandteil des Tages ist die Vernetzung mit Partner*innen aus der Praxis. Um den Schüler*innen konkrete Ansprechpersonen (in diesem Kurs des Herz- und Diabeteszentrums NRW und der Kreiskliniken Herford-Bünde sowie der entsprechenden Betriebsräte) näherzubringen, kommen diese direkt in den Workshop. Sie zeigen auf, wie Betroffene geschützt werden können, wie zum Beispiel durch die einfache, aber effektive Maßnahme, ein Patientenzimmer nicht mehr allein zu betreten.
Ergänzt wird das Programm durch externe Referent*innen: Eine Polizistin der Abteilung Prävention und Opferschutz erläutert die juristische Lage, während die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Herford konkrete, vertrauliche Beratungsangebote vorstellt. Abschließend resümiert die Lehrende Skrzypek: „Die durchweg positive Resonanz der Auszubildenden unterstreicht, wie unverzichtbar dieser Rückhalt für eine moderne Pflegeausbildung geworden ist. Der Workshop schenkt den Schüler*innen genau die Sicherheit, die sie für einen selbstbewussten Start in den Alltag brauchen, und ist gleichzeitig ein echter Gewinn für die Zusammenarbeit in den Teams vor Ort.“




